Düsseldorfer Schauspielhaus – Kleines Haus

EIN ÜBERTRITT (ALLES AUF ENDE)

6 Nov 2026 — 2 Jan 2027
16:00 - 21:45
—
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Gustaf-Gründgens-Platz 1 (Kleines Haus), Düsseldorf

Wohin wird uns die Verwandlung unsres Wesens denn noch führen, welche mit unglaublicher Geschwindigkeit stattfand, erregt schon vom neuen Krieg, der alte ist ja bereits ganz kalt! Wir brauchen ja immer einen, einen neuen, auch wenn ihn andre führen müssen, wofür würden wir sonst durch Eisrinnen klettern, durch kalte Meere schwimmen oder sonstwas machen, auf jeden Fall rennen, rennen, wir rennen für den Frieden, also alles nicht zum Spaß?

About the event

von Elfriede Jelinek

Regie Jossi Wieler

➽ Uraufführung am 22. Oktober 2026

Wohin wird uns die Verwandlung unsres Wesens denn noch führen, welche mit unglaublicher Geschwindigkeit stattfand, erregt schon vom neuen Krieg, der alte ist ja bereits ganz kalt! Wir brauchen ja immer einen, einen neuen, auch wenn ihn andre führen müssen, wofür würden wir sonst durch Eisrinnen klettern, durch kalte Meere schwimmen oder sonstwas machen, auf jeden Fall rennen, rennen, wir rennen für den Frieden, also alles nicht zum Spaß?

Ein Übertritt (alles auf Ende), von Elfriede Jelinek zum 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs verfasst, stellt keine geringere Frage als die nach dem menschlichen Wesen – was also uns Menschen im Allgemeinen und im Besonderen ausmacht. Und wo, eingedenk des Datums, nach dem menschlichen Wesen gefragt wird, ist die Frage nach menschlichen Unwesen nicht weit, die Frage nach tierischen und vertierten Wesen, die Frage nach dem deutschen Wesen. Mit Assoziationsreichtum dem sprachlichen Unbewussten auf der Spur untersucht Ein Übertritt (alles auf Ende) Verwandlungen und Verwechslungen, Übertritte von einer Wesensform in die andere. Tiere werden zu Menschen und Menschen zu Bestien, Geister und Wiedergänger erwachen zu neuer Handlungsfähigkeit und die historische Markierung und Möglichkeit eines Übertritts von Diktatur zu Demokratie, von Demokratie zu Diktatur, von Krieg zu Frieden und von Frieden zu Krieg wird sprachkritisch-witzig und finster-orakelnd auf die Probe gestellt.

Jossi Wieler, durch seine Inszenierungen von Wolken.Heim, er nicht als er, Macht nichts, Rechnitz (Der Würgeengel) und Angabe der Person ein maßgeblicher und vielfach ausgezeichneter Jelinek-Regisseur, bringt Ein Übertritt (alles auf Ende) in eingespielter Zusammenarbeit mit Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock zur Uraufführung – pünktlich zum 80. Geburtstag der 1946 geborenen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.

Elfriede Jelineks Schreiben ist Durchschneiden der Schichten der Geschichte mit feiner Klinge, ein Sezieren der historischen Ablagerungen des Nationalsozialismus. Im Anschluss an die Vorstellungen von Ein Übertritt (alles auf Ende) am 06.11., 15.11. und am 11.12. liest Ensemblemitglied Stefan Hunstein, der in dieser Inszenierung auf der Bühne steht, Texte, die die in Jelineks Stück eingeschriebenen Daten anders begreifbar machen und einen Bogen ins Heute schlagen. 06.11.: Gesetze und Erlasse von 1934 | 15.11.: Gedichte von Paul Celan | 11.12.: Hitlers Tischgespräche

Kann eine Sprache verbrecherisch sein, ohne laut zu werden? 1934 ist die nationalsozialistische Herrschaft bereits dabei, sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens zu durchdringen. Was zuvor politische Forderung und Ideologie war, erhält nun die Form des Gesetzes. Es wird angeordnet, geregelt, definiert, ausgeschlossen und verboten. Die Sprache bleibt dabei kühl. Sie argumentiert nicht. Sie zweifelt nicht. Sie verfügt. Gerade diese Nüchternheit macht die Texte so beklemmend. Hinter Paragraphen, Zuständigkeiten und Verwaltungsformulierungen verschwinden die Menschen, die von ihnen betroffen sind. Diskriminierung und Entrechtung erscheinen nicht mehr als Gewaltakt, sondern als bürokratischer Vorgang.

Wie kann man nach der Vernichtung weitersprechen? Paul Celan sucht nach dem Krieg nach einer Sprache, die nicht einfach dort weitermacht, wo die alte aufgehört hat. Einer Sprache, die beschädigt ist von dem, was geschehen ist – und die dennoch versucht, davon Zeugnis abzulegen. Seine Gedichte bewahren Erinnerung, ohne das Geschehene zu erklären. Wörter werden fremd, Sätze brechen auf, Bedeutungen verschieben sich. Sprache wird genauer, karger, manchmal beinahe stumm. Nach all den Stimmen, Dokumenten und literarischen Zeugnissen dieser Reihe stellt Celan vielleicht die radikalste Frage: Was kann Sprache noch, nachdem sie selbst missbraucht und beschädigt worden ist? Und dennoch spricht sie weiter. Vielleicht liegt gerade darin eine Hoffnung.

In den sogenannten Tischgesprächen begegnet uns Hitler nicht als öffentlicher Redner vor einer inszenierten Menge, sondern im vermeintlich privaten Kreis. Er spricht über Kunst und Kultur, Frauen und Ehe, Religion, Geschichte, Krieg und die Zukunft. Gerade die Beiläufigkeit dieser Äußerungen macht ihre Wirkung verstörend: Ideologie erscheint nicht mehr als große politische Verkündung, sondern als alltägliches Denken, als Vorurteil, Überheblichkeit und Menschenverachtung, die sich im Sprechen selbst zu erkennen geben.

Im Anschluss Lesung Jelinek im Kontext mit Stefan Hunstein | Heute: Gesetze und Erlasse von 1934

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